Aachen. Wer an Aachen denkt, denkt an Dom, Karlsbrunnen, Hochschule – und Printen. Das würzige Gebäck ist so sehr mit der Stadt verwachsen, dass man sich kaum vorstellen kann, es gäbe sie nicht.
Was eine Printe ausmacht – und warum sie keine Lebkuchen ist
Zunächst das Grundsätzliche: Printen sind fester, würziger und weniger süß als klassische Lebkuchen. Statt Honig kommt Rübensirup zum Einsatz, dazu eine komplexe Gewürzmischung aus Anis, Koriander, Kardamom, Nelken und Zimt. Das Ergebnis ist ein Gebäck mit Biss – im wahrsten Sinne des Wortes. Traditionelle Kräuterprinten sind hart, brechen mit einem charakteristischen Knacken und entfalten ihren vollen Geschmack erst beim Kauen.
Der Name „Printe" leitet sich vom niederländischen „prenten" ab, was „drucken" oder „prägen" bedeutet. Jahrhundertelang wurden die Gebäcke mit aufwendig geschnitzten Holzmodeln verziert – eine Kunst, die heute nur noch wenige Betriebe pflegen. Die erste urkundliche Erwähnung von Printenbäckern in Aachen stammt aus dem Jahr 1558, doch die Tradition dürfte noch älter sein.
Die großen Namen – und die Macht des Marktes
Lambertz ist der Name, den jeder kennt. Das Unternehmen mit rund 5.000 Mitarbeitern und über 600 Millionen Euro Jahresumsatz ist europäischer Marktführer bei Printen und Lebkuchen. Doch die Geschichte der Aachener Printenlandschaft ist vielfältiger: Klein GmbH, Nobis Printen seit 1858, Leo Printen, das Café van den Daele – sie alle prägen die regionale Identität mindestens so sehr wie der Großkonzern.
Was die kleineren Betriebe verbindet: Sie setzen auf Handwerk, Authentizität und das Erlebnis. Bei Leo Printen etwa kann man noch zusehen, wie die Printen von Hand geschnitten werden. Im Café van den Daele gibt es zur Printe einen Mokka und ein Stück gelebte Stadtgeschichte. Nobis wirbt mit traditionellen Rezepturen und verzichtet bewusst auf industrielle Massenproduktion.
Die Strategie geht auf – zumindest bei einer bestimmten Zielgruppe. Touristen, die Aachen besuchen, wollen nicht die Supermarktvariante, sondern etwas Besonderes. Und auch Einheimische sind bereit, mehr zu zahlen, wenn sie wissen, dass ihre Printen aus einer echten Backstube und nicht aus einer Fabrikhalle kommen.
Die Weichprinte: Innovation oder Verrat?
Der wohl größte Umbruch der vergangenen Jahrzehnte war die Einführung der Weichprinte. Sie ist das genaue Gegenteil der harten Kräuterprinte: saftig, mürbe, oft mit Schokoladenüberzug und deutlich süßer. Für Puristen ein Sakrileg, für Hersteller ein Verkaufsschlager.
Die Weichprinte entstand, weil der Markt sich veränderte. Jüngere Käufer mochten die harten Printen nicht, Kinder schon gar nicht. Also wurde experimentiert: mehr Feuchtigkeit, weniger Gewürze, dafür Schokolade. Das Ergebnis ist ein Gebäck, das mit der klassischen Printe nur noch wenig gemein hat – aber funktioniert.
Heute gibt es Weichprinten in zahllosen Varianten: mit Vollmilchschokolade, Zartbitter, gefüllt mit Marzipan oder Nougat, in Mini-Formaten für zwischendurch. Manche Hersteller bieten sogar ganzjährig Weichprinten an, weil sie sich nicht mehr nur auf die Weihnachtszeit beschränken wollen.
Die Frage ist: Ist das noch eine Printe? Andere sehen darin die logische Weiterentwicklung: Ein Gebäck muss sich dem Geschmack der Zeit anpassen – oder es verschwindet.
Vegane Printen, glutenfreie Printen, Printen für alle
Der Trend zu speziellen Ernährungsformen macht auch vor der Printe nicht halt. Immer mehr Hersteller bieten vegane Varianten an – was bei einem Gebäck, das traditionell ohne Ei und Milch auskommt, eigentlich naheliegt. Dennoch war es lange nicht selbstverständlich, dass Printen entsprechend gekennzeichnet wurden.
Glutenfreie Printen sind technisch anspruchsvoller, weil der Teig ohne Weizenmehl anders reagiert. Doch auch hier gibt es inzwischen Lösungen, meist auf Basis von Reismehl oder Maisstärke. Der Geschmack ist nicht identisch – kann er auch nicht sein. Aber für Menschen mit Zöliakie ist es die einzige Möglichkeit, Printen zu genießen.
Interessant ist die Entwicklung bei Bio-Printen: Einige Betriebe setzen auf biologisch angebaute Rohstoffe, fair gehandelte Gewürze und Rübensirup aus regionaler Produktion. Das hat seinen Preis – eine Packung Bio-Printen kostet schnell das Doppelte der konventionellen Variante. Doch es gibt eine Käuferschicht, die bereit ist, diesen Preis zu zahlen.
Das Saisonalitätsproblem: Printen im Sommer?
Wer im Juli durch Aachen läuft und Lust auf Printen hat, wird in den meisten Läden fündig. Doch das war nicht immer so. Lange Zeit waren Printen ein reines Herbst- und Winterprodukt, eng verbunden mit Weihnachtsmärkten, Adventszeit und kalten Tagen.
Die Branche versucht seit Jahren, diese Saisonalität zu durchbrechen. Printen als Ganzjahresprodukt – das ist das Ziel. Doch es ist nicht einfach. Printen sind emotional mit einer bestimmten Jahreszeit verknüpft. Im Hochsommer eine Kräuterprinte zu knabbern? Das fühlt sich für viele falsch an.
Die Lösung: neue Angebotsformen. Printen als Geschenkartikel für Firmenkunden, individuell bedruckte Printen für Events, Printen als Mitbringsel für internationale Gäste. Einige Cafés bieten Printen zum Kaffee an – nicht als Weihnachtsgebäck, sondern als regionale Spezialität, die man das ganze Jahr über genießen kann.
Die Konkurrenz aus dem Netz – und die Chancen des E-Commerce
Der Online-Handel hat die Printenbranche verändert. Früher musste man nach Aachen kommen, um echte Aachener Printen zu kaufen. Heute reicht ein Klick. Fast alle größeren Hersteller betreiben eigene Online-Shops, verschicken Printen per Post in die ganze Welt.
Das ist Chance und Risiko zugleich. Einerseits erschließen sich neue Märkte: Ausgewanderte Aachener bestellen Printen als Stück Heimat, Touristen ordern nach, weil sie den Geschmack nicht vergessen haben. Andererseits steigt der Wettbewerbsdruck. Wer online kauft, vergleicht Preise. Und da können die kleinen Handwerksbetriebe selten mithalten.
Zudem gibt es ein grundsätzliches Problem: Printen versenden sich nicht gut. Sie sind empfindlich, brechen leicht, und in Sommermonaten kann Schokoladenüberzug schmelzen. Manche Hersteller verzichten deshalb komplett auf Versand, andere bieten nur bestimmte Sorten an.
Die Nachwuchsfrage: Wer backt die Printen von morgen?
Ein Problem, über das kaum gesprochen wird: Fachkräftemangel. Bäckerhandwerk ist körperlich anstrengend, die Arbeitszeiten sind unattraktiv, die Bezahlung oft bescheiden. Viele Printenbetriebe suchen händeringend nach Nachwuchs.
Manche setzen auf Automatisierung, andere auf bessere Arbeitsbedingungen. Doch die Frage bleibt: Wie sieht die Printenbranche in zwanzig Jahren aus? Wird es noch Handwerksbetriebe geben? Oder dominiert dann vollends die industrielle Fertigung?
Einige Betriebe versuchen, durch Erlebnisangebote junge Menschen zu begeistern: Backworkshops, bei denen man eigene Printen herstellen kann, Führungen durch Produktionsstätten, Social-Media-Kampagnen. Das Ziel: Printe nicht nur als Produkt, sondern als Teil einer Kultur zu vermitteln.
Fazit: Die Printe muss sich wandeln – ohne sich zu verlieren
Die spannendsten Betriebe sind die, die beides schaffen: Innovation mit Respekt vor der Tradition. Die eine Kräuterprinte nach Originalrezept backen – und gleichzeitig mit Chili-Schokolade experimentieren. Die ihre Wurzeln kennen – aber nicht in ihnen steckenbleiben.
Denn eines ist klar: Die Printe ist mehr als ein Gebäck. Sie ist ein Stück Aachener Identität. Und die darf sich weiterentwickeln – solange sie authentisch bleibt.
Lesetipp: Wer die Vielfalt der Aachener Printenlandschaft erleben möchte, sollte bewusst verschiedene Anbieter probieren – vom Handwerksbetrieb in der Altstadt bis zur innovativen Weichprinte. Der Geschmacksunterschied ist enorm. Und erst dann versteht man, was diese Debatte eigentlich bedeutet.