Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, belastet immer mehr Menschen. Doch Psychologie und Philosophie zeigen: Standfestigkeit lässt sich lernen. Wie wir den Fokus von der Ohnmacht zurück zur Selbstwirksamkeit lenken.
Wir alle kennen diesen Moment am Morgen: Der erste Griff geht zum Smartphone, die Nachrichten-App meldet neue Unruhen, steigende Preise oder politische Sackgassen. Ein leises Gefühl der Beklemmung stellt sich ein. Es ist das Empfinden, einem riesigen Mahlwerk aus Ereignissen ausgeliefert zu sein, auf die wir persönlich nicht den geringsten Einfluss haben.
Dieses Phänomen ist psychologisch erklärbar: Das menschliche Gehirn ist darauf programmiert, Unsicherheit zu vermeiden. Unser Nervensystem versucht ständig, Gefahren vorherzusehen, um sie zu kontrollieren. Wenn wir jedoch mit Krisen konfrontiert sind, die zu groß für unser individuelles Handeln sind, schaltet der Körper in einen dauerhaften Alarmzustand. Die Folge sind Erschöpfung, Reizbarkeit und eine schleichende Lähmung im Alltag.
Der Fokus der Macht: Wo wir wirklich wirken
Ein entscheidender Schlüssel zur psychischen Gesundheit im Jahr 2026 liegt in der bewussten Unterscheidung zwischen dem, was uns betrifft, und dem, was wir tatsächlich beeinflussen können. In der Psychologie dient hierzu oft das Modell der „Einflusssphären“:
Der Kreis der Sorge: Hier liegen Weltpolitik, das Wetter oder die Entscheidungen großer Institutionen. Diese Themen beschäftigen uns, aber wir können sie heute nicht unmittelbar ändern.
Der Kreis des Einflusses: Hier liegt unser direktes Handeln. Wie wir mit unserer Familie sprechen, wie wir unsere Arbeit organisieren, wofür wir unser Geld ausgeben.
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Die Forschung zeigt: Wer seine Energie fast ausschließlich im „Kreis der Sorge“ verbraucht, brennt aus. Wer sich hingegen auf den „Kreis des Einflusses“ konzentriert, erlebt das, was Psychologen Selbstwirksamkeit nennen. Es ist das stärkste Gegengift zur Ohnmacht.
Radikale Akzeptanz als Strategie
Oft verwechseln wir Akzeptanz mit Kapitulation oder Desinteresse. Doch die „Radikale Akzeptanz“ ist ein aktiver Vorgang. Sie bedeutet, die Realität als gegeben anzuerkennen, ohne wertvolle Energie in den Kampf gegen das Unabänderliche zu investieren.
Das klassische Beispiel: Wer sich im Stau über den Stau aufregt, leidet doppelt – unter der Verspätung und unter dem eigenen Stress. Wer akzeptiert, dass der Stau existiert, gewinnt die Freiheit zurück, die Zeit im Auto sinnvoll zu nutzen, etwa durch ein Hörbuch oder eine bewusste Atempause. Auf globale Krisen übertragen bedeutet dies, die Weltlage als Ausgangspunkt zu nehmen, statt an ihr zu verzweifeln.
Drei Säulen für die psychische Stabilität
Informations-Hygiene: Wir sind evolutionär nicht dafür geschaffen, 24 Stunden am Tag Katastrophen in Echtzeit zu konsumieren. Eine bewusste „Informations-Diät“ – etwa feste Zeiten für Nachrichten statt permanentem „Doomscrolling“ – schützt das Nervensystem vor Überlastung.
Kleine Inseln der Kontrolle: In instabilen Zeiten helfen feste Routinen. Ob es das morgendliche Sportprogramm ist oder der regelmäßige Austausch im Verein: Diese Vorhersehbarkeit signalisiert dem Gehirn Sicherheit und Stabilität.
Vom Ziel zum Wert: Viele unserer Ziele hängen von äußeren Faktoren ab. Werte hingegen liegen immer in unserer Hand. Man kann sich vornehmen, ein „zugewandter Nachbar“ oder ein „besonnener Kollege“ zu sein. Diese Werte kann man jeden Tag leben, völlig unabhängig davon, wie sich die Weltpolitik entwickelt.
Die Kraft des Greifbaren
Ein oft unterschätzter Faktor ist die Rückkehr zum Unmittelbaren. In einer digitalisierten und krisengeschüttelten Welt gibt das Handfeste – Gartenarbeit, Handwerk oder das Engagement in der lokalen Gemeinde – ein Gefühl von Wirksamkeit zurück. Wenn wir sehen, dass unsere Taten im Kleinen einen Unterschied machen, wächst auch die Kraft, die großen Herausforderungen unserer Zeit mit mehr Gelassenheit zu betrachten.
Das Jahr 2026 wird die Welt vermutlich nicht zur Ruhe bringen. Aber wir können lernen, stabiler in ihr zu stehen. Nicht, indem wir die Augen verschließen, sondern indem wir unsere Energie dorthin lenken, wo sie eine Wirkung entfaltet.